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Auf dem Gariahat Market in Kalkutta – Alles ganz frisch!

Lebensmittelmärkte gehören für mich immer zu den spannendsten Plätzen in fremden Ländern. Natürlich machten wir uns auf, einen der farbenprächtigsten Lebensmittelmärkte Kalkuttas, den Gariahat Markt zu erkunden. Noch dazu, da er nur unweit unseres Gästehauses liegt, in dem wir logierten.

Zunächst einmal galt es, sich durch den dichten und völlig chaotischen, aber nicht allzu schnellen Verkehr aus hupenden Taxen, scheppernden und ächzenden Trambahnen sowie rußenden, qualmenden LKW auf die andere Straßenseite zu bahnen.

Als wir den Markt durch den Haupteingang betreten wollten, wurde gerade eine Herde von Ziegen hineingetrieben.

Am Anfang des überaus bunten und belebten Marktes fanden wir unter den überdachten Teilen Händler, die eine schier unübersehbare Auswahl an Gewürzen in allen Farben feilboten. Jeder wollte uns etwas verkaufen. In offenen Säcken wurde Curcuma, Bockshornklee, allerlei verschiedene Pfeffer, Anissamen usw. angeboten. Natürlich auch Safran, dessen Farbe in Indien heilig ist. Kam ein Kunde und wollte etwas kaufen, nahm der Händler ein Stück Zeitungspapier und faltete in Windeseile, aber sehr kunstvoll eine kleine Tüte, in die er dann das Gewürz abfüllte und mit einer kleinen Handwaage verwog.

Weiter ging es, vorbei Ständen die überquollen von Obst und vor allem von Gemüsesorten, die wir in Europa so noch nirgendwo gesehen hatten. Da gab es z.B. Bittergurken und die jämmerlich stinkende Jackfrucht, aber auch Berge von Chilischoten in allen Größen und Farben. Bei einer ganz winzigkleinen, dunkelroten Chilisorte, die ich mir näher anschaute, grinste der Händler breit und meinte nur: „Atombomb“. Das charakterisierte die extreme Schärfe dieser Minischoten sicher sehr genau. Schade eigentlich, dass wir einerseits keine Gewürze benötigten, weil wir ja nicht selbst kochen wollten und konnten und andererseits doch gewisse europäische Hemmungen ob der hygienischen Verhältnisse hatten.

In Indien, so erfuhr ich später immer wieder, nehmen Gewürze in der Küche einen extrem wichtigen Stellenwert ein. Anders als bei uns, wo wir meist gemahlene Gewürze verwenden, gibt es Indien in jeder Küche einen Stein, der einem kleinen Waschbrett ähnelt und auf dem mit einem zweiten Stein die Gewürze, die man gerade für ein Gericht benötigt, miteinander vermahlen werden. So entstehen sehr intensiv schmeckende Gewürze, Gewürzmischungen und Gewürzpasten.

Wir gingen etwas weiter und konnten in einer Art Innenhof die Fischhändler beobachten. Speziell in Bengalen ist Fisch und Fleisch in der Küche sehr wichtig. Die Fischhändler saßen, wie es bei allen Händlern in Indien üblich ist, im Schneidersitz auf Ihren Auslagetischen hinter ihrem Angebot. Da gab es Fische in allen Größen. Von ganz kleinen bis zu sehr großen. Natürlich kannten wir die einzelnen Arten, die hier feilgehalten wurden, nicht. Die Fischhändler versuchten uns trotzdem in Bengali, der hier gesprochenen Sprache zum Kauf zu ermuntern. Vor jedem Fischhändler stand ein, an ein Krummschwert erinnerndes, martialisch anmutenden Messer auf einer Art Fuß. Sie hielten es mit ihren Füssen fest und zerteilten die Fische je nach Kundenwunsch kunstvoll und in Windeseile. Ich wunderte mich, dass sich dennoch keiner in die Finger schnitt. Andere Länder, ganz andere Sitten! Bei uns bewegt man das Messer, hier bewegte man den Fisch um das Messer herum.

Auch wenn die Fische sicher sehr frisch waren, so konnte man den Geruch hier doch bei allem Wohlwollen nur ziemlich streng nennen. Natürlich gab es auch Meeresfrüchte in großen Mengen und in allen Variationen, obwohl es von Kalkutta aus bis zum Meer bei Diamond Harbour noch ca. 60 km sind.

Die den Markt begleitende Geräuschkulisse mit den vielen Menschen, die handelten, schwatzten oder ganz einfach einkauften, war streckenweise fast ohrenbetäubend. Dazwischen jaulte irgendwo schmalzige Hindimusik aus einem Kassettenspieler mit extremen Gleichlaufschwankungen. Das störte niemand. Hauptsache die Leistung des Verstärkers war groß genug und die an Trompeten erinnernden Lautsprecher waren so richtig laut.

Wir gingen weiter, noch etwas tiefer in den Markt hinein und kamen zu den Geflügelhändlern. Die Hühner und viele andere Vögel wurden in Körben dicht gedrängt, lebend in den Markt gebracht. Wenn ein Käufer ein Huhn kaufen wollte, wurde es in Windeseile getötet, gerupft und zerlegt. Das Zerlegen mit dem schon eingangs erwähnten feststehende Messer dauerte keine Minute. So groß war die Übung und die Geschicklichkeit der Geflügelmetzger. Immerhin stellte man auf diese Weise sicher, dass das Fleisch frisch war. Kühlmöglichkeiten oder wenigstens Eis gab es hier in 40 Grad Hitze nämlich nirgendwo auf dem Markt. Ich stellte und stelle mir in Indien angesichts der sehr mageren, hautigen und oft auch zähen Hühner allerdings immer wieder die Frage, ob das Schlachten der ausgemergelten Tiere ihrem natürlichen Tod nicht einfach nur einige Stunden oder Tage zuvor kam. Zum genussvollen Essen ist auf jeden Fall ziemlich wenig Fleisch an so einem echt indischen Huhn.

Einige Meter weiter kamen die Stände der Metzger, die Schaf- und anderes Fleisch anboten. Hier war das Getümmel noch ein wenig größer und hier zeigte sich auch an der Kleidung wie multiethnisch Indien ist und wie viele Religionen in diesem Subkontinent verhältnismäßig ruhig zusammenleben. sieht man einmal von den immer wieder aufflammenden Unruhen, meist zwischen Hindus und Moslems ab.

Für diejenigen Inder, auch Hindus, die nicht vegetarisch leben, gab es vor allem Hammel, Huhn, aber auch Schweine- und Ziegenfleisch im Angebot. Für die Moslems dafür kein Schweinefleisch usw.

Nachdem wir uns alles genau angesehen hatten und praktisch jeder einzelne der vielen Händler auf dem Markt versucht hatte, uns etwas von seinen Schätzen zu verkaufen, oder doch wenigstens in den höchsten Tönen anzupreisen, machten wir uns langsam an den Rückweg. Das gestaltete sich in dem Gewimmel und Getümmel aus Fahrrädern, Handkarren und vielen Dingen mehr ziemlich schwierig. Auch die in den vielen labyrinthischen Gängen stehenden Waren und vor allem auch Menschenmassen, die es in Indien irgendwie immer und überall gibt, machten unser Unterfangen nicht leichter.

Wir kamen an einem Platz vorbei, an dem alle Marktbeschicker ihre Abfälle einfach abkippten. Es stank schlicht und ergreifend infernalisch und atemberaubend, wie der Müll hier in der Sonne verrottete. Dazwischen machten sich gerade zwei, der überall anzutreffenden indischen, ziemlich mageren, ausgemergelten, heiligen Kühe daran, in den Gemüseabfällen etwas Fressbares zu finden. Gleich nebenan wühlten zwei völlig ausgezehrt aussehende Frauen in völlig verschlissenen Saris im Müll. Sie suchten Plastikteile, wie Tüten usw. heraus, die sie später einem Altmaterialhändler verkauften.

Ein paar Kinder klaubten Papier und Pappe heraus und standen dabei fast knietief in dem gärenden, gammelnden stinkenden Müllmorast. Wir hatten eine weitere Lektion gelernt und gesehen, wie in Indien das Müllrecycling funktioniert. Sozusagen ein „Duales System Indien“, in dem es ganz offenbar sogar noch bei den extrem armen Müllsammlern eine Hierarchie gibt.

Als wir es fast geschafft hatten, den Ausgang zu erreichen, fielen mir drei Männer auf, die ihre Fahrräder durch den Markt schoben. Es waren diejenigen, die vor etwas über einer Stunde die Ziegenherde in den Markt getrieben hatten. Auf den Gepäckträgern ihrer Fahrräder hatten sie jeweils einige Ziegenfelle befestigt, aus denen das Blut auf den Boden heruntertropfte.

Nun wussten wir, was aus der Ziegenherde geworden war und warum die Händler immer wieder betonten.“Everything fresh!“

 

 

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