Der erste Darjeeling-Flug(zum)-Tee

Der erste Darjeeling-Flug(zum)-TeeAuf meiner allerersten Reise nach Indien, waren wir nun schon einige Tage in Kalkutta und wollten jetzt endlich mal die ersten Teegärten sehen. In diesen wenigen Tagen konnten wir einige sehr wertvolle Kontakte zu den Teefirmen knüpfen und diese luden uns sehr offenherzig ein, ihre Teegärten in Darjeeling zu besuchen. Man werde alles Nötige für uns arrangieren, uns in Bagdogra, dem Flughafen für Darjeeling abholen lassen usw.

So standen wir also wieder auf dem Flughafen von Kalkutta dem Dum Dum Airport, allerdings dieses Mal in einem anderen Teil des Gebäudes, im nationalen Teil.

Auch hier wieder das in Indien einfach überall vorhandene Getümmel von Menschenmassen. Kaum hielt unser Auto an, wurden wir von Horden von Gepäckträgern umschwirrt, die unser Gepäck auf einen Trolley laden und für uns tätig sein wollten. Bei diesem ersten Einchecken in Indien wussten wir noch nicht, dass nur der in das Gebäude eingelassen wird, der ein gültiges Flugticket für einen Flug am gleichen Tag vorweisen konnte.

Die Gepäckträger mussten draußen bleiben. Selbstredend forderten sie lautstark ein Trinkgeld bzw. einen Lohn, auch wenn sie das Gepäck kaum 50m beförderten. Jeder wollte Geld von uns. Jeder der mindestens Fünf, von denen jeder zumindest einmal den Trolley angefasst hatte, sonst aber nichts Produktives geleistet hatte. Wir gaben einem, der wenigstens ein bisschen gearbeitet hatte ein paar Rupien. Was dann natürlich dazu führte, dass die anderen in Heulen und Wehklagen ausbrachen. Als wir uns davon nicht erweichen ließen, probierten sie es mit Flüchen und Verwünschungen – als das auch nicht zum Ziel führte fingen sie an, an meinem Ärmel zu ziehen, bis ich ziemlich barsch und lautstark dem Treiben ein Ende setzte und wir die Sperre, die Ticketbesitzer und solche ohne Ticket trennte passierten.

Aber auch auf dieser Seite, der privilegierten Seite der Flugreisenden, ging es laut und hektisch zu. Es wuselte wie im Ameisenhaufen. Aus den altersschwachen Lautsprechern krächzten ziemlich unverständliche Ansprachen, die zwar an die englische Sprache erinnerten, aber ansonsten ziemlich nutzlos verhallten.

Mit einigem Hin und Her fanden wir den richtigen Schalter für den Flug nach Bagdogra. Hierzu muss man wissen, dass es damals in Indien für Inlandsflüge praktisch gesehen nur eine Fluggesellschaft gab, die staatliche „Indian airlines“.

Der check in-Schalter war so eine Art Stehpult, hinter dem sich einige Angestellte der Airline regelrecht verschanzt hatten um dem riesigen Ansturm von Passagieren, die alle laut schrien, drückten, zerrten und drängelten, Herr zu werden. Was ich an dieser Stelle auch erklären muss, ist dass zu dieser Zeit praktisch alle Flüge mehr als drei- oder vierfach überbucht waren. Und dass jeder Inder das Gefühl hatte, dass er noch ein wenig wichtiger sei, als der Mensch neben ihm. Ja, dass er jemanden wichtigen kenne, der eben noch ein bisschen wichtiger sei, als der, den der Nachbar kennt usw.

Das Ergebnis war jedenfalls immer ein völliges Chaos. Für die ca. 130 Plätze, die eine Boeing 737 hat, wie sie damals von Indian Airlines geflogen wurde, standen regelmäßig mindesten 250 Menschen an, immer von der Hoffnung getrieben, dass die Wartelistennummer doch noch reichen könnte.

Anfangs standen wir noch recht gesittet und ruhig an – schließlich wussten wir von dem Thema der ständigen, gewaltigen Überbuchung noch nichts. Der Check in-Schalter stand inzwischen schon mindestens zehn Meter weiter hinten, als bei Beginn des Eincheckens, weil ihn die Menschenmasse samt den Angestellten dahinter immer weiter vor sich her geschoben hatte. Irgendwann dämmerte uns, dass wir trotz gültiger Tickets, trotz der auf Dollarbasis bezahlten und damit für das damals devisenschwache Indien wichtigen Tickets, so wohl nie einen Platz im Flugzeug erhalten würden.

Also änderten auch wir unsere Taktik. Ich blieb zurück und bewachte unser Gepäck, während meine Begleiterin Carolin sich durch die Meute kämpfte. Das hat aber nur deshalb funktioniert, weil die Inder einer „Lady“ noch dazu einer europäischen, einen gewissen Respekt entgegenbrachten und sie zumindest etwas weniger in die Zange nahmen, beim Ansturm auf den Schalter.

Wundersamerweise hatte es Carolin tatsächlich geschafft, unsere Bordkarten zu erhalten und das Gepäck einzuchecken. Jetzt galt es durch die Sicherheitskontrollen zu kommen. Diese machten aber, obwohl die Beamten nur herumsaßen, prinzipiell frühestens 45 Minuten vor dem theoretischen Abflug auf. Auch wenn die Flugzeiten eigentlich eher eine ca. Angabe waren. Mit etwas Glück stimmte wenigstens der Tag. Die tatsächliche Abflugzeit verschob sich fast immer um mehrere Stunden, vor allem je weiter es in den Nachmittag hinein ging.

Der Flug startete mit „nur“ dreieinhalb Stunden Verspätung und verlief einigermaßen normal und ruhig. Wenn es nur nicht so verdammt eng wäre in den Sitzen für meine Größe. Ich bekam kaum die Knie hinein und konnte kaum sitzen. Der Service an Bord war grandios. Es gab die Auswahl zwischen Wasser aus Plastikbechern und Wasser aus Plastikbechern. Weil uns aber nicht klar war, wie sicher das Wasser war, also ob wir es gesundheitlich vertragen würden oder nicht, verzichteten wir vorsichtshalber.

Im Anflug nach Bagdogra konnten wir unter uns die ersten, nein unsere allerersten Teefelder und Teefabriken sehen. Sozusagen etwas Flugtee. Nach einer Stunde Flugzeit landeten wir in Bagdogra. Sofort nach der Landung umstellten einige Soldaten das Flugzeug und postierten sich mit ihren Gewehren unter den Tragflächen – zum Schutz vor der intensiv herunterbrennenden Sonne. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Bagdogra ist eigentlich ein Militärflugplatz der Indian Airforce, der nur ab und an für zivile Flüge genutzt wurde. Heute gibt es ein neues Gebäude für die zivile Luftfahrt und auch wesentlich mehr zivile Flüge. Damals gab es im Schnitt höchstens einen Flug pro Tag.

Am Ausgang erwartete uns zweierlei: Erstens der Manager des Teegartens Barnesbeg, und der Beamte, der uns ein besonderes Permit in den Pass stempelt. Lesbar ist es nicht, dafür ist der Stempel schon viel zu alt und abgenutzt. Aber für den Besuch der immer etwas unruhigen Region Darjeeling brauchte es eine besondere Genehmigung und die hatten wir jetzt.

(Anm.: In den ersten Jahren, in denen ich nach Indien gereist bin, war Darjeeling durchaus ein ziemlich unruhiges Gebiet, da die dort lebende Volksgruppe der Ghurkhas bis heute eine weitgehende Autonomie vom Bundesstaat West-Bengalen fordert. Bisweilen gibt es groß angelegte Generalstreiks aber auch hin und wieder blutige Unruhen.

Erst im März 2012 wurde eine relativ große Autonomie mit vielen eigenen Verwaltungsbereichen Wirklichkeit, nachdem im Jahr zuvor, nach Jahrzehnten einer kommunistisch geprägten Regierung in West-Bengalen ein Regierungswechsel stattfand. Im Mai 2011 übernahm Mamata Banerjee das Amt der Premierministerin von West-Bengalen und es sah es so aus, als ob es nachhaltige Lösungen geben könnte.

Jetzt im Sommer 2017 ist erneut ein erbitterter Generalstreik ausgerufen worden, in dessen Verlauf es schon viele Tote zu beklagen gibt. Die Teegärten sind seit Wochen geschlossen und arbeiten nicht. – siehe auch unsere aktuelle Berichterstattung hier im Blog zu Darjeeling.)

Unser Gepäck wird in ein klappriges Taxi verstaut und los geht es. Zunächst noch durch die Reihen der Airforce Kasernen, bis an den Schlagbaum der Militäranlage, wo der Taxifahrer seine dort in einer Baracke hinterlegten Papiere wieder abholen und das Taxi aus dem Militärgelände auschecken musste. Damit auch jeder weiß, wo er sich befindet thront am  Kaserneneingang ein aufgebocktes Jagflugzeug.

Durch unzählige Menschen, vorbei an jeder Menge von Buden, vor denen sich Koffer stapelten, die alle aus Blech und  von Hand gemacht waren, fuhren wir in Richtung Darjeeling.

Wir überquerten breite, im Moment wenig Wasser führende Gebirgsflüsse und fuhren das erste Mal durch einen Teegarten. Links und rechts der Strasse standen die ersten Teebüsche. Die Fahrt ging noch etwas weiter durch die Ebene bevor die Strasse begann kräftig anzusteigen. Immerhin hatten wir fast 2000 Höhenmeter vor uns, die es zu überwinden galt. Immer wieder querten wir die Gleise des „Toytrain“, der Schmalspur-Eisenbahn, die die Engländer zwischen 1879 und 1881 gebaut haben. Teilweise verlaufen die Gleise  bis heute  mitten in der Strasse.

Das Taxi ächzte die steile und oft auch sehr enge Strasse hoch. Mit jeder Kehre schraubten wir uns höher hinauf. Neben uns fiel die Strasse fast immer atemberaubend steil ab. Leitplanken gab es keine, dafür konnten wir hin und wieder einmal weit unter uns am Fuße des Abgrunds zerschellte Lastwagenwracks ausmachen.

Abgesehen von diesen „vertrauensbildenden Maßnahmen“ waren wir völlig begeistert von der Schönheit dieses Teeanbaugebietes. Wie sich die Teefelder an die steilen Hänge schmiegen, wie die von der Tiefebene, der Bengalischen Bucht aufsteigende Feuchtigkeit sich langsam in dichten Nebel und in Wolken verwandelte.  Eine wirklich märchenhafte, manchmal schon mystische Szenerie, tat sich da vor uns auf und zog uns in ihren Bann.

Wir erreichten die Stadt Ghoom, die lange Zeit, bis zum Bau der chinesischen Tibetbahn, als höchste Bahnstation der Welt galt. Hier sahen wir, wie der Verkehr hier oben auf engstem Raum abgewickelt wird. Der Toytrain schnaufte röhrend und Dampf speiend, ganz langsam den Berg hinauf. Kurz vor die Lokomotive kam, räumten die Basaris (kleine Ladenbesitzer) ihre Auslagen von den Schienen. Kaum war der Zug vorbei, räumten die Händler ihre Waren wieder in ihren „Laden auf den Schienen“, während die dicken Rauchschwaden der Lok noch über der Straße waberten. Mit jedem Höhenmeter, den wir weiter hinauffuhren, wurde es auch frischer, so dass wir bald unsere Pullover anzogen. Nach den über vierzig Grad unten in Bagdogra empfanden wir es hier oben mittlerweile als sehr kühl.

Nach über dreieinhalb Stunden Fahrt mit dem altersschwachen Taxi erreichten wir, völlig durchgeschüttelt, den Teegarten Barnesbeg, wo wir vom Manager und von den Hausangestellten herzlich willkommen geheißen wurden. Natürlich gab es dann auch gleich eine Tasse des gerade ganz frisch geernteten alleresten Tees des Jahres.

Der war sozusagen genauso frisch in Darjeeling, wie wir und unser erster echter Darjeeling-Flugtee!

 

 

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