Kleider machen Leute – aber welche Leute machen neue Kleider?

Einer unserer Rucksäcke, in dem wir unsere Kleidung und viele andere Dinge verstaut hatten, fand sich trotz intensivster Bemühungen, jedenfalls von unserer Seite, von Seiten des Aeroflot-Büros in Kalkutta konnten wir das nicht erkennen, nicht mehr ein. Vermutlich war er bei der Ankunft in Kalkutta auf dem Flughafen, während wir ewig auf die Zollabfertigung warteten, gestohlen worden. So standen wir vor dem ziemlich großen und drängenden Problem, wo wir neue Klamotten her bekommen sollten.

Eigentlich ein leicht zu lösendes Problem in einer Millionenmetropole – dachten wir – machten uns auf und suchten Bekleidungsgeschäfte. Dass es diese zumindest damals in Kalkutta so nicht gab, merkten wir ziemlich schnell. Auf die Frage nach „readymade“ Kleidung gab es bestenfalls traditionelle indische Kleidung. Saris etwa – aber da muss man ja nichts nähen, sondern nur gekonnt knapp 5 Laufmeter Stoff um den Körper wickeln. Auch Dhotis (das ist das männliche Pendant, wie Mahatma Gandhi es immer trug) gab es, oder Salwar cameez, ein muslimisch geprägtes Kleidungsstück, das einem europäischen Schlafgewand nicht unähnlich ist. Mit der Suche nach westlicher Konfektionskleidung erlitten wir komplett Schiffbruch. Nichts war zu haben und schon gar nicht in unseren, oder besser meiner Größe, die deutlich über der indischen Durchschnittsnorm lag und liegt.

Nun musste „Plan B“ her. Wir suchten einen Schneider auf, oder genauer gesagt zwei. Einen für Damen und einen für Herren.

In einer heißfeuchten Kaschemme, allerdings in einem etwas besseren Viertel gelegen, erläuterten wir den Herren der stichelnden Zunft unsere Wünsche. „Ja das ist machbar, aber nicht so ganz einfach“ erklärte uns der bengalische Schneider in der Nähe des Gariahat-Marktes. Sogleich fing er an Maß zu nehmen, schrieb sich alles fein säuberlich auf, wollte wissen, ob man die Kleidung lieber figurbetont, oder lieber etwas weiter haben wolle usw. Der Preis, den er uns für die Arbeit nannte, war für unsere Verhältnisse sehr niedrig. Ich fragte ihn, welche Stoffe er denn zur Auswahl habe für meine neuen Hosen? Gar keine erwiderte er, dafür müssten wir ihm den Stoff bringen. „Aha, und wo bekommen wir denn nun den Stoff her“, wollte ich wissen. Vom „Khadi-Emporium“, also vom Stoffladen, erklärte mir der freundliche Schneider. Ich bat ihn, uns zu begleiten, damit wir einerseits den Laden auch fänden und der Schneider andererseits auch schauen könne, dass der Stoff für den Einsatzzweck, nämlich meinen Hosenboden, auch tauglich sei.

Wir mussten nicht allzu weit gehen und erreichten wieder einen anderen kleinen Verschlag in dem hinten Berge von Stoff aufgestapelt waren. Vorne saß auf einer Art mit einem hellen Baumwollstoff bespannten Podest ein kleiner Mann mit einer rundlichen, dicken Brille. Über ihm surrte und quietschte ein altersschwacher Ventilator auf Hochtouren und sorgte für eine klitzekleine Abkühlung in der schwülen Hitze des Nachmittages. Auf der rechten Seite an der Wand war ein kleiner Altar mit einem Bild vom elefantenrüsseligen Ganesha, dem Gott für Glück und Wohlstand, wie man ihn in fast allen indischen Läden und Firmen findet. Am Altar gab es frische Räucherstäbchen die vor sich hin rauchten und ein leichtes Patchouliaroma verbreiteten.

Wir sollten uns doch setzen, lud uns der Händler ein und schickte sofort seinen Boy los, damit er uns etwas zu trinken holen sollte. Wir setzten uns und bekamen etwas sehr indisches serviert. Eine Campa Cola. Im Schriftzug sehr ähnlich dem Vorbild aus dem amerikanischen Atlanta, im Geschmack nach Hustensaft aber doch eher dem alten Orginal von 1886 nachempfunden. Es dauerte einige Zeit, bis wir uns an den für uns sehr fremden Geschmack gewöhnt hatten. Seinerzeit boykottierte Coca Cola den indischen Markt, da die damalige Regierung umfangreiche Einsicht in die Rezepturen forderte. Heute bekommt man das „Original“ dagegen wieder überall.

Vor uns wurden Berge von Stoffen ausgebreitet. Von angeblich „pure cotton“ über „jerrycott“, also reiner Kunstfaser in den verschiedensten Farben und Dessins. Als das, was in den Regalen lagerte, nicht mehr reichte, musste der Boy über eine, eher an eine Hühnerleiter erinnernde, halsbrecherische Treppe in das höchstens ein Meter zwanzig hohe Lager im „Obergeschoß“ des Ladens und weitere Schätze holen. Alle wurden schwungvoll vor uns ausgebreitet, bis mindestens hundert verschiedene Stoffe vor uns lagen und uns die Qual der Wahl auch nicht eben leichter machten.

Immerhin gelang es uns etwas einigermaßen europäisch anmutendes in der Vielzahl der bunten Farben und weg von den in Indien zwar sehr beliebten, für uns aber unmöglichen Plastikstoffen zu finden.

Der Schneider erläuterte dem Stoffhändler wie viel er brauchte und wir bezahlten den Einkauf. Am nächsten Tag, so der Schneider, könne er mir die zwei neuen Hosen liefern. Wir gaben ihm die Adresse von unserem Gästehaus und waren gespannt. Pünktlich am nächsten Tag kurz vor Mittag erschien der Schneider mit den Hosen und ich musste anprobieren. Gepasst haben sie ja, aber sie waren wirklich nur ein Notbehelf, weil der Schnitt aber auch die Verarbeitung usw. eben bengalischer Standard waren und nicht unbedingt das, was wir in Europa im Laden kaufen würden.

Auch Carolin erging es nicht wirklich besser. Sie hatte aber immerhin den Vorteil, dass sie sich mehrere so genannte Salwar-Cameez, also die ebenfalls muslimisch angehauchten Kleider, bestehend aus einer mit einer Schnur gebundenen Hose und einem langen Überhang, tatsächlich fertig auf dem Markt kaufen konnte. Für die Abende und zum schlafen erstand ich ebenfalls ein paar davon, denn je nach Schnitt werden diese auch von Männern getragen. Im heißen Klima sind sie auch wirklich sehr angenehm. An heißen Sommertagen trage ich manchmal welche davon auch zuhause in Europa am Abend.

Carolin wollte aber auch, wenn sie schon in Indien war, einen Sari haben. Der Sari ist wie gesagt, wenn man einmal von der gigantischen Auswahl an Modellen auf den Märkten absieht, einfach ein knapp 5 Meter langes Stück Stoff. Zum Sari gehört aber zwingend eine Bluse und da wurde es wieder etwas komplizierter beim Schneider.

Der wollte wissen, ob sie denn normalerweise einen BH trage oder nicht, denn das müsse er im Schnitt berücksichtigen. Auch diese Bluse, genannt „blouse“, fertigte der Damenschneider. Carolin musste sich allerdings daran gewöhnen, dass solch eine Bluse aus einem nicht elastischen Stoff hauteng gefertigt wird und Anfangs etwas schwierig zum Anziehen und Tragen ist.

Immerhin waren wir nun europäisch-indisch mehr schlecht als recht mit Kleidung versorgt. Schnell hatte sich in der Teewelt Kalkuttas herumgesprochen, dass wir „in town“ waren. Irgendwie schafften es diverse Firmen mit uns in Kontakt zu kommen und uns zu etlichen teuren Essen in Fünf-Sterne-Hotels einzuladen. In wenigen Tagen lernten wir so sehr viele wichtige und einflussreiche Leute aus dem Teebusiness kennen. Viele davon luden uns ein, ihre Teegärten zu besichtigen.

Von ganz besonderem „Reiz“ war es, wenn wir in unseren, doch nicht ganz so gelungenen neuen Kleidern im einzigen damals in Kalkutta vorhandenen 5-Sterne Hotel, dem ehrwürdigen Oberoi-Grand Hotel in der Nähe des Maidan, des riesigen Parks mitten in der Stadt, zum Essen eingeladen wurden. Und hierher wurden wir fast jedes Mal ausgeführt. Schließlich wollten uns alle beeindrucken.

Außerdem stiegen die meisten europäischen Tee-Einkäufer hier ab, da sie Angst hatten anderswo krank zu werden und dem Dreck und Gestank der Millionenstadt nicht gewachsen zu sein. Ich habe auch später nie dort gewohnt, da ich das Gefühl hatte, dass ich anderswo mehr für mein Geld bekam, was durchaus bei Verhandlungen mit Teeverkäufern immer wieder Eindruck machte, denn es signalisierte, dass ihnen jemand gegenüber saß der einen echten Wert für sein Geld haben wollte und keine Show-Veranstaltung.

Wir erläuterten bei den Essen dann eben ein ums andere Mal, welches Missgeschick uns mit dem Rucksack auf dem Herflug widerfahren war und warum wir etwas „underdressed“ auftraten und ernteten Verständnis.

Da auch unsere aus Deutschland mitgebrachten Visitenkarten zum allergrößten Teil in dem abhanden gekommenen Rucksack waren, mussten wir auch hier neue organisieren. Das war aber eine relativ einfache Angelegenheit. Unser neuer Freund Subhash Khaitan ließ uns in einer kleinen Druckerei welche im Handsatz mit Blei setzen und drucken. So waren wir immerhin wieder wer!

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